Ein Ort der vielen Möglichkeiten

Geschichte

Wer kennt es nicht, das alte Lied vom Jungbrunnen, von dem man trinkt, oder das Bild vom Teich, in den man steigt, um ewige Jugend zu erlangen?

Schon die Helvetier, und dann vor allem die Römer hatten gewisse Heilquellen – meist Thermen – in unserem Lande entdeckt und rege benutzt. Doch dann gingen das Wissen und der Glaube an die heilende Wirkung der Quellen nach und nach verloren. Erst im 11.

Jahrhundert erwachte das Interesse daran wieder. Baden, Pfäfers, Leuk, um nur drei zu nennen, wurden wieder zu Badeorten gemacht. Und die Zeit um 1500 herum gilt als wahre Blütezeit der Badekultur. Waren zuerst die von Schmerzen geplagten Gebrechlichen jeden Standes aus der Umgebung einer Heilquelle zur Kur gekommen, reisten nach und nach auch Leidende aus entfernteren Gegenden her, vor allem Reiche, die sich solch eine Fahrt leisten konnten. Das zog andere nach, welche die Bäder «vorbeugend» be-nutzten, mit dem Hintergedanken, sich dabei in der Nähe der angesehenen Badegäste aufhalten zu können. Der grössere Andrang wiederum vermehrte den Ruf des Bades.

Der Abt von Pfäfers, zugleich Herr über das gleichnamige Bad (heute Bad Ragaz), lud die Badegäste «mit Namen» zu Abendsitzen und Diskussionsrunden zu sich auf die Feste Wartenstein, das gewöhnliche Volk wurde im Gästehaus des Klosters oder sonst im Dorf untergebracht. Sein berühmtester Badearzt: Theophrastus Bombastus von Hohenheim, Paracelsus genannt, der berühmt-berüchtigte Naturphilosoph und Arzt. Bald wurden Bücher über die Wirksamkeit der Bäder verbreitet, und der Zulauf nahm noch mehr zu.

Paracelsus‘ Ideen wurden auch von einfachen Leuten aufgenommen und durch geschäftstüchtige «Quellenbesitzer» in die Tat umgesetzt.

So wurden die Bäder zu Stätten der Geselligkeit und der Lustbarkeit, wie sie es schon zur Zeit der Römer gewesen waren. Es gab aber auch Badegäste, welche meinten, stundenlanges Ausharren im heissen oder im aggressiven Wasser bringe grösseren Heilerfolg. Sie mussten dann ihre aufgereizte und entzündete Haut in gewöhnlichem Wasser ausbaden.

Daher kommt die Redensart, jemand «müsse eine Sache ausbaden».

Von den grossen Heilbädern zu den Purebedli

Zur Heilung gewisser Krankheiten spielt nicht nur die Wärme, sondern auch die Zusammensetzung des Wassers eine Rolle. Ein Schwefelwasser wirkt anders als die Arsenquelle im Val Sinestra oder die radioaktive Quelle von Disentis. Richtige chemische Analysen konnten aber erst vom 18. Jahrhundert weg gemacht werden. Vorher spielten Farbe, Geruch und Geschmack eines Wassers eine grosse Rolle. Je abenteuerlicher, desto wirksamer! Da hing das Schicksal einer Heilquelle nicht mehr nur von der Qualität ihres Wassers, sondern nicht weniger von der Geschäftstüchtigkeit ihres Besitzers ab. So wurden landauf und landab mehr und mehr Heilquellen entdeckt, warme und vor allem kalte. Kaum ein Tal, das nicht sein Bad hatte. Den Gästen ging es nicht um die Reinlich-keit, dazu gab es in grösseren Ortschaften die Badestuben, von Badern oder Schärern geführt. Es ging um ganz anderes.

Seit dem 15. Jahrhundert war es im bürgerlichen Stande üblich, jährlich eine Badefahrt zu unternehmen. Wer sich die oft aufwendige An- und Rückreise und die Kosten für drei Wochen Beherbergung leisten konnte, zog im Frühjahr oder Herbst in eines der unzähligen Bedli, die man oft auch Purebedli nannte. Selbst wenig Begüterte sparten ihr Geld solange zusammen, bis sie sich eine Bedlifahrt leisten konnten (wie heute für Ferien in Mallorca!). Es brauchte ja nicht unbedingt das Gurnigelbad zu sein. Auch in einem Kleinen Bedli des Emmentals konnten sie nebst einer glaubhaften Gesundung, z.B. durch eisenhaltiges Wasser, an der fröhlichen Seite des gemeinschaftlichen Zusammenseins ihr Vergnügen finden. Man lebte das Jahr über ohne längere Kontakte zu fremden Leuten – hier waren sie möglich.

So spielten gesundheitliche Motive längst nicht für alle Gäste die gleiche Rolle. Das gemeinschaftliche Baden in grossen gemauerten Bassins oder in ganzen Reihen von Zubern oder Wannen war schliesslich eine amüsante Angelegenheit. Die strengen ratsherrlichen oder kirchlichen Vorschriften erlaubten es ja sonst nicht, sich halbentkleidet mit andern Leuten zu vergnügen. Und schliesslich liessen sich bei solchen Begegnungen Bande knüpfen oder vermitteln, eventuell auch zwecks späterer Heirat. Gotthelf hat das in «Uli der Knecht» aufs Schönste geschildert.

Ein Reisender, welcher als Beobachter in so ein Bad kam, berichtete nachher: «Männlein und Weiblein können sich nackt im Wasser tummeln, ohne dass es deswegen zu Ausschweifungen käme; überall herrscht der Frohsinn, die heitere Miene vor. Wunderbar ist es zu sehen, in welcher Unschuld sie leben. Bald glaube ich, dies sei der Ort, wo der Mensch geschaffen worden, den die Hebräer ‚Gan Eden‘, das ist der ‚Garten der Wollust,

nennen.»

Andere sprachen von einer übernatürlichen Instanz, die dem Menschen Linderung seiner

Leiden verschaffte.

Allerdings stammt auch dieser Spruch aus jener Zeit:

«Der Mann schafft Tag und Nacht, badt in seinem Schweiss;

alles die Frau verzehrt im Baad mit Fleiss.»

Und Goethe dichtete:

«Beim Baden sei die erste Pflicht, dass man sich nicht den Kopf zerbricht, und dass man höchstens nur studiere, wie man ein lustig Leben führe.»

Um 1860 zählte man in der Schweiz über tausend Bäder. Zwei davon waren seit dem 16.

Jahrhundert in unserer Nähe: Das Wildeney-Bad und das Schwendlen-Bad. Und zwei weitere waren in unserer Gemeinde: Das Brunnenbach-Bad in Reutenen und das Höhli-oder Leimenbad. Weitere Bäder in unserer Umgebung: Enggisteinbad, Rüttihubelbad, Löchlibad, Moosbad, und auch in Grosshöchstetten und in Biglen war seinerzeit je ein

Bad verzeichnet.

Die Inhaber der Bäder nannte man «Bader» oder manchmal auch «Schröpfer». Der Bader richtete mit seinen Bademägden und Badeknechten die Bäder, sie halfen den Ba-degästen, indem sie ihnen den Rücken schrubbten, die Haare wuschen, Wassergüsse verabreichten und schliesslich die Trockentücher reichten. War ein Bader auch noch Schröpfer, so liess er zu Ader, wenn der Gast dies wünschte, oder setzte Blutegel an, als Mittel gegen Schwindelgefühle und Kopfschmerzen.

Gewisse Bader waren auch Schärer, also Wundärzte, geübt mit dem scharfen Messer und der Wundschere. Sie schnitten nicht nur Haare und Bart, sie pflegten auch offene Wunden und schreckten sogar vor Amputationen nicht zurück, sie hatten ja vielleicht in jungen Jahren als Feldscher (Militärarzt) eine Lehre gemacht.

Zum Betreiben eines Bades brauchte es eine behördliche Bewilligung. Das Bad wurde von der Obrigkeit – so gut das ging – beaufsichtigt. Wollte der Bader seinen Gästen Essen und Tranksame verkaufen, brauchte er auch dazu eine Konzession, und eine weitere brauchte er, wollte er ganzjährig eine Pinte mit Weinschankrecht (er durfte nur Brot und Käse zum Wein verabreichen) oder gar eine Taverne führen mit ganzjährigem Bewir-tungsrecht an alle Gäste, also an die Badegäste und die Einheimischen und Passanten, welche nur eingekehrt waren, um zu essen und zu trinken. So kompliziert war das.

Gerade diese Bewilligungen geben uns ein wenig Auskunft über unsere beiden Bäder.

Treffpunkt «Brunnenbachbad»

Im Jahre 1715 errichtete Dr. Albrecht Wyttenbach im sogenannten Brunnenbach ein Kleines Badehaus, zu dem ihm von der Obrigkeit eine Beisteuer in Form von Bauholz bewilligt wurde. Das Gesuch aber, die Badegäste mit Speise und Trank versehen zu dür-fen, wurde abgelehnt. Erst 1721 wurde ihr gestattet, im Brunnenbach «bey dem allda sich befindlichen guten Wasser ein Bad- und Wohnhaus aufzurichten». Er erhielt auch die Bewilligung, vom 1. Mai bis Michaeli (29. September) zu wirten, und zwar für Badegäste, Einheimische und Durchzüger.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war Michael Hofer Brunnenbach-Wirt. In welchem Ver. hältnis er zu Dr. Wyttenbach stand, ist aus den uns vorliegenden Unterlagen nicht ersichtlich. Hofer wurde 1728 wegen «Geigen und Behofung von Gästen aus der Stadt»

vor das Chorgericht zitiert.

Buch

Beiträge zur Geschichte unserer Gemeinde

Verfasser

Hans Rudolf Burkhardt

Jean-Pierre Kammermann

Alfred Stegmann

ort

Zäziwil

Quelle

Einwohnergmeinde Zäziwil

Brunnenbach früher
Brunnenbach heute